Auszug aus Dark City:
Aliyah wachte schweißgebadet auf. Stocksteif lag sie auf der zerschlissenen Matratze in der Ecke ihrer engen Kammer. Sie grub ihre schmutzigen Fingernägel in die löchrige Decke. Ihr Puls raste. Die Dunkelheit, die sie von allen Seiten umgab, fühlte sich schwärzer an denn je. Es war keine gute Dunkelheit. Es war nicht die Dunkelheit ihrer erblindeten Augen. Es war auch nicht die Dunkelheit der Nacht. Es war eine greifbare Dunkelheit; etwas, das düsterer und unheimlicher war als alles, was Aliyah jemals empfunden hatte. Und obwohl sich ihre Füße so heiß anfühlten, als würde sie auf glühenden Kohlen stehen, fröstelte es sie am ganzen Körper.
Die Sechzehnjährige tastete mit der rechten Hand nach ihrem weißen Wolf, der leise hechelnd neben ihr gelegen hatte und durch ihr ruckartiges Erwachen ebenfalls aufgesprungen war. Er spürte die Unruhe seiner jungen Herrin instinktiv. Treuherzig blickte er sie mit seinen eisblauen Augen von der Seite an, gab einen winselnden Laut von sich und legte beschützend seine rechte Pfote auf sie. Aliyah klammerte sich an sein dickes, weißes Fell. Es gab ihr das Gefühl von Sicherheit.
«Ich habe sie gesehen, Nayati», sagte sie leise. «Es war … unheimlich. Noch nie habe ich so etwas Unheimliches gesehen.» Sie schwieg und versuchte, die Bilder zu verdrängen, die ihr den Schlaf geraubt hatten. Aber es gelang ihr nicht. Feuer, tanzende Schatten, Gelächter, Flammen, ein Gesicht – und dann diese Augen. Sie hatten sich unauslöschlich in ihre Seele eingebrannt.
«Sie hat mich angesehen. Sie hat mir direkt in die Augen geschaut», murmelte das Mädchen. «Es tat weh. Es brannte wie Feuer in meiner Brust. Ich wollte schreien, aber es ging nicht. Ich wollte wegsehen, aber ich konnte nicht. Es war, als würde sie mich zwingen, sie anzusehen. Es war, als ob …»
Nayati hechelte und hörte seiner jungen Herrin geduldig zu, als würde er jedes ihrer Worte verstehen. Sie sprach den letzten Gedanken nicht mehr aus. Stattdessen zog sie ihren Arm zurück und drehte sich gegen die Wand. Sie winkelte die Beine an den Körper und rollte sich zusammen wie eine Katze.
«Etwas Schreckliches wird geschehen, ich spüre es.» Sie flüsterte die Worte nur.
Der Wolf kroch näher zu ihr heran und legte seinen Kopf auf ihre Schulter, entschlossen, sie gegen alles und jeden zu verteidigen, der ihr irgendein Leid zufügen wollte. Trotzdem zitterte Aliyah noch immer ein wenig.
«Ich habe Angst, Nayati», hauchte sie.
Sie schloss die Augen und zog sich die alte Decke bis über die Ohren. Sie spürte den feuchten Nebel im Gesicht. Er kroch an ihr hoch wie eine kalte Hand, die nach ihr greifen wollte. Dick und schwer hingen die Nebelschwaden in der Kammer, als würden sie in der Dunkelheit jemandem auflauern. Es war eine gefährliche Dunkelheit. Aliyah wusste es. Erst als ihre Atemzüge wieder tief und gleichmäßig waren, legte auch Nayati seine Ohren zurück und entspannte sich.
Katara löste eine brennende Fackel aus ihrer Halterung in der Burgmauer. Es war kurz nach Mitternacht. Einer Katze gleich glitt Katara in ihren ausgetretenen Schuhen die Stufen der steinernen Wendeltreppe hinunter. Sie trug knielange, hautenge Hosen, einen kurzen dunkelvioletten Rock und ein ärmelloses Lederhemd mit auffälligem Reißverschluss. Darüber trug sie einen ebenfalls ärmellosen silbergrauen Mantel, der ihr fast bis zu den Fußknöcheln reichte. Er erinnerte entfernt an die Flügel einer Fledermaus und warf beim Gehen einen beinahe gespenstischen Schatten an die Burgmauer. Zwei breite silberne Armspangen schmückten die für eine Siebzehnjährige sehr kräftigen Oberarme. Ein langes Zöpfchen aus bunten Glasperlen und kleinen Holzkugeln war sorgfältig in ihr pechschwarzes Haar geflochten. Seidig fiel ihr schulterlanges Haar um ihr feines weißes Gesicht, das aussah, als wäre es aus reinstem Elfenbein geschnitzt. Zwei smaragdgrüne Augen funkelten abenteuerlustig daraus hervor.
Bei einer Fensterscharte hielt das Mädchen kurz inne und warf einen Blick in die Nacht hinaus. Als ihre Mutter noch lebte, hatte sie ihr erzählt, früher hätte man in klaren Nächten Tausende von Sternen am Firmament funkeln sehen können. Ja, bevor der Nebel kam, hätte der Nachthimmel über Shaíria zuweilen ausgesehen wie ein dunkelblaues, mit Diamanten besetztes Abendkleid. Katara konnte sich das nur schwer vorstellen. Alles, was sie sah, war tiefste Finsternis.
Weit unter ihr, irgendwo im Nichts, lag Dark City, verschluckt von der Dunkelheit der Nacht und dem zähen Nebel, der so dicht war, dass er den Menschen das Gefühl gab, daran ersticken zu müssen.
Katara drehte sich um. Ihre beiden Freundinnen gesellten sich kichernd und tuschelnd zu ihr. Sie waren ziemlich aufgeregt über den nächtlichen Ausflug. Katara legte drohend den Zeigefinger auf den Mund und bedeutete ihnen, sich ruhig zu verhalten.
«Wenn mein Vater uns erwischt, kriege ich mächtigen Ärger!», flüsterte sie. «Er hat mir ausdrücklich gesagt, ich dürfe nicht ins Verlies gehen. Also seid still, sonst verratet ihr uns.»
Die Mädchen nickten und hielten sich die Hand vor den Mund, um nicht weiterzukichern.
«Ich war noch nie in einem echten Burgverlies», sagte Yolanda, die Kleinere der beiden, nach einer Weile. Sie trug einen verspielten weiten Schnürrock und Sandalen. Ein sorgfältig geflochtener blonder Zopf hing ihr im Nacken. «Da unten gibt’s bestimmt Ratten und Spinnen und allerlei Ungeziefer. Wenn ich eine Ratte sehe, muss ich schreien, das kann ich euch gleich sagen.»
«Wenn du nicht mal eine Ratte sehen kannst, ohne in Panik zu geraten, wäre es vielleicht besser, du würdest hierbleiben», spottete Xenia, ein Mädchen mit keckem Blick und kurz geschnittenen roten Haaren. Sie trug grobe Schuhe mit dicken Ledersohlen, dazu eng anliegende Hosen und einen Wollpullover. In ihren Ohrläppchen steckten auf jeder Seite drei Ohrringe, und ein kleiner Ring über der linken Augenbraue vervollständigte ihren frechen Look.
«Ich habe keine Angst», verteidigte sich Yolanda. «Außerdem ist die Hexe angekettet, hab ich Recht, Katara?»
«Angekettet schon, aber vermutlich ist sie tausendmal unheimlicher als alle Ratten und Spinnen, die dort unten hausen», ermahnte sie Katara.
«Hast du sie schon gesehen?»
«Nein. Ich sagte euch doch, mein Vater schärfte mir ein, ich solle mich von ihr fernhalten.»
«Ich dachte, er lässt dich sonst immer zu den Gefangenen gehen.»
«Diesmal nicht. Er sagt, sie sei anders.»
«Natürlich ist sie anders», grunzte Xenia, «sie ist eine legendäre Hexe und wird dafür morgen auf dem Scheiterhaufen brennen.»
«Ja, das wird sie», bestätigte Katara und hielt ihre Fackel fester. «Mein Vater wurde dazu bestimmt, sie anzuzünden.»
«Im Ernst?»
Katara nickte. Sie konnte ihren Stolz nicht verbergen. Es war eine immense Ehre, derjenige sein zu dürfen, der den Scheiterhaufen in Brand setzte. Nur jemand, der Drakars höchstes Vertrauen und all seinen Respekt genoss, wurde für diese würdevolle Handlung auserwählt. Die beiden Mädchen waren mächtig beeindruckt.
«Vielleicht will dein Vater deshalb nicht, dass du ihr zu nahe kommst», kombinierte Yolanda. «Vielleicht hat er Angst, sie könnte dich mit einem Fluch belegen. Das wäre durchaus verständlich. Ich habe schon von Fällen gehört …»
Katara winkte ab. «Alles dummes Geschwätz. Legenden und Märchen.»
«Nein, du, im Ernst», beharrte Yolanda auf ihrer Geschichte, «man sagt, es gibt Hexen, die einen Fluch über dir aussprechen, der dich in eine von ihnen verwandelt. Ich weiß nicht, wie, aber man sagt, einige könnten es.»
«Wer hat dir denn den Humbug erzählt? Dein Kindermädchen?»
«Davon habe ich auch schon gehört», fiel Xenia ein. «Mein Onkel erzählte mir, der Freund seines Arbeitskollegen wäre eines Tages spurlos verschwunden. Man geht davon aus, dass er am Abend vorher Kontakt mit einer Hexe hatte. Vielleicht ist wirklich etwas dran an der Sache.»
«Jetzt hört aber auf!», brauste Katara empört auf. «Wollt ihr die Aktion etwa abblasen wegen dieser lächerlichen Spukgeschichten?»
Die Mädchen schüttelten heftig den Kopf.
«Nein, natürlich nicht», sagte Xenia. «Ich habe noch nie eine Hexe aus der Nähe gesehen. Diese Chance lasse ich mir nicht entgehen, um nichts in der Welt.»
«Ich auch nicht», schloss sich Yolanda ihrer Freundin an. «Wahrscheinlich hast du ja Recht. Es sind nichts weiter als Gerüchte.»
Katara nickte zufrieden. «Gerüchte, nichts weiter. Die Hexe wird uns schon keinen Fluch anhängen, da macht euch mal keine Sorgen. Sie wird überhaupt nichts tun. Ihre Macht ist gebrochen. Dies ist ihre letzte Nacht. Morgen wird Dark City in Jubel ausbrechen, wenn sie in der Arena in Flammen aufgeht.» Sie schob sich ihr Glasperlenzöpfchen hinters Ohr und ging weiter. Die Mädchen folgten ihr, Xenia mit festen Schritten, Yolanda etwas zögerlich.